Tiergarten AG Seebach

Am 13. August 1927 ersuchte Bauführer 'Th. Joos und Consorten', Mühlegasse 12, Zürich um Erteilung einer baupolizeilichen Bewilligung für einen 'Tierpark mit Löwenzwinger, Bärenzwinger, Volieren für Zier- und Rabvögel etc.'. Mehrere Anwohner an der Ettenfeldstrasse und an der Schaffhauserstrasse erhoben Einsprache gegen das Baugesuch. Sie stellten verständlicherweise ihr ruhiges Alltagsleben in Frage. Nach Gesprächen mit dem Gemeinderat von Seebach zogen die Anwohner ihre Einsprachen zurück.

Im Mai 1928 wurde in Seebach die 'Aktiengesellschaft Tiergarten, vormals Urs Eggenschwiler' eröffnet. Vorwegnehmend sei erwähnt, dass diese zwei Jahre später ihre Tore bereits wieder schliessen musste. Als Standort für ihre Tierschau hatten die Initianten das Areal hinter dem Restaurant 'zur alten Post', Schaffhauserstrasse 510 gewählt (heute Schrebergartenareal). In diesem Tiergarten waren neben einem Elefanten auch Bären, Alligatoren, Fische, Löwen, Waschbären, Rehe, Hasen, Ziervögel, Papageien und verschiedene Affen.

Zum Teil stammten die Tiere (Bären und die Löwen 'Grete' und 'Menelik') aus der Menagerie des 1923 verstorbenen Urs Eggenschwyler.

Im Tiergarten Seebach war auch an die Kinder gedacht. Über einen zwölf Meter hohen Turm gelangten die Kinder auf eine 33 Meter lange Rutschbahn. Nach der Schliessung des Seebacher Tiergartens wurde diese Rutschbahn demontiert und zum Ausflugsrestaurant 'Rosinli' bei Adetswil-Bäretswil transportiert.

Einige Anekdoten:

Der 'König der Wüste' wird vom Leben zum Tod befördert
Unter diesem Titel wird im vorliegenden Quellennachweis beschrieben, wie der zwanzigjährigen Löwin 'Grete', welche noch von Urs Eggenschwyler aufgezogen worden war, im November 1928 der rechte Augenzahn gezogen wurde. Das Tier musste von etwa zwanzig Männern an den Beinen sowie am Unter- und Oberkiefer gefesselt werden. Ein zweistündiger Narkotisierungsversuch soll ohne Erfolg geblieben sein. So wurde der Zahn bruchstückweise in etwa 20 Ansätzen gezogen. Dem zitierten NZZ-Bericht kann weiter entnommen werden, dass dies das erste Mal war, dass an einem Raubtier dieser Grösse in der Tierarzneischule ein solcher Einfgriff vorgenommen wurde. Deshalb wohnten der 'Operation' zahlreiche Studierende bei. Am 7. März 1929 musste dem Tier der Gnadenschuss erteilt werden, da sich der Zustand zusehends verschlechtert hatte.

Als angeblich zweitgrösstes Volksfest im Seebacher Tiergarten wird eine 'Krokodil-Zahnputzete' beschrieben. Im Tiergarten wurde ein Podest aufgebaut und ein Tisch darauf gestellt. Mit Hilfe eines hölzernen Gatters wurde dem Tier Unter- und Oberkiefer aufgesperrt. Der Komiker und Seiltänzer Meuer aus Basel wurde für diese 'Attraktion' engagiert. Diesem fiel die Hauptaufgabe zu, dem bedauernswerten Tier mit einer zu diesem Zweck angefertigten Riesenzahnbürste von rund zwei Metern die Zahnreihen zu schruppen. Dazu spielte eine kleine Musikkapelle.

Der Elefant 'Tantor'
Eine Bereicherung des Tiergartens war der von der Firma Carl Hagenbeck in Hamburg stammende neunjährige Elefant 'Tantor'. Die Kinder durften gegen ein bescheidenes Entgelt für einige Minuten auf dem Rücken des Dickhäuters reiten.
In der Nacht vom Samstag, den 17. auf Sonntag, den 18. August 1929 entwich 'Tantor' aus seinem Stall. Auf seiner Flucht beschädigte er mehrere Bäume. Morgens gegen fünf Uhr wurde der Seebacher Elefant von einer Lokomotive des Frühzuges nach St. Gallen-Chur erfasst. Der unerwartete und tragische Tod des Elefanten war moralisch und finanziell ein Tiefschlag für die Tiergarten AG Seebach.

Der Seebacher Tiergarten bestand kaum zwei Jahre. Während einige den Konkurs auf die Eröffnung des Zürcher Tiergartens in Fluntern zurückführten, waren andere der Meinung, dass Überorganisation und Misswirtschaft zum Ende des Tiergartens Seebach führten. Im Herbst 1930 beschloss die Genossenschaft den Verkauf der Tiere. Es handelte sich um fünf Braunbären, einen Panther, eine Löwin, zwei Alligatoren, ferner um Affen, Adler, Geier usw.. Alle Tiere waren in bester Verfassung. Die Tiere wurden vom damaligen Besitzer des Hotels 'Hirschen' in Amsteg übernommen.

Quelle: Roman G. Schönauer, Neujahrsblatt Zürich 11/12. Herausgeber: Verein zur Förderung der Erwachsenenbildung Zürich 11/12, 1981

Urs Eggenschwyler; Bild ZKB-Broschüre
Urs Eggenschwyler; Bild ZKB-Broschüre

Urs Eggenschwyler

Zitat von Ursina Lüthi aus: Zürcher Originale, Zürcher Kantonalbank, Zürich, 1990, S. 71 ff

"Gottfried Keller nannte ihn den 'Zürcher Leuenmacher', heute erinnert in Zürich-Unterstrass der Eggenschwylerweg an ihn: Urs Eggenschwyler (1849-1923), Bildhauer aus Solothurn und Schöpfer einiger imposanter Steinskulpturen des Zürcher Wappentiers. (...)
Sein Tiergarten auf dem Milchbuck zog zwar viele Besucher an, finanziell aber ging die Rechnung nicht auf. Der passionierte Tierfreund musste nicht selten für seine Schützlinge hungern. (...) Nur der Unterstützung seiner Freunde und Gönner ist es zu danken, dass die Zürcher hier während dreier Jahrzente fremde Tiere kennenlernen konnten. Kinder waren Eggenschwylers liebste Besucher. Für sie nahm er Bären und Löwen zum Streicheln aus den Käfigen heraus. Dass die Eltern darob weniger entzückt waren als die Kinder, lässt sich unschwer denken.
Während Jahren setzte sich Eggenschwyler vergeblich für den Bau eines Zoos ein. (...) Und natürlich war er auch dafür besorgt, dass der Zürileu Zürich kennenlernte. Aber nicht jedem Zürcher behagte es, dem frei herumlaufenden Junglöwen zu begegnen: Seine Stadtwanderungen wurden polizeilich verboten. Von da an führte Eggenschwyler das mittlerweilen ausgewachsene Tier nur noch nachts und an der Kette aus. 1906 dann konnten ängstliche Naturen ganz aufatmen: Der Löwe starb an einer Überdosis Morphium. Den menschenscheuen und fast tauben Mann hat dieser Tod stark getroffen (...)"

In der Quartierzeitung 'die Vorstadt' vom 9. November 1999 erschien ein Artikel unter dem Titel 'Tierisches aus alten Zeiten' von Werner Egli. Er berichtete über einen Anlass, organisiert durch das so genannte Rendez-vous, in der Paul-Vogt-Stube an der Seebacherstrasse 60. Die drei Seebacher Albert Bader, Ernst Schlegel und Hans Frei erzählten aus ihrer Jugendzeit vor rund 65 Jahren. Hauptthema war der Seebacher Tiergarten.

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